Antrag: Finanzierung der Psychotherapie-Weiterbildung sichern!

Antragsteller*innen: Nicolas Beck, Timo Skrandies

Antrag: Die Vollversammlung der Studierendenschaft spricht sich dafür aus, dass sich die Universität öffentlich für die Finanzierung der Psychotherapie-Weiterbildung einsetzt.

Diese Unterstützung erfolge, indem:

1. Die Universität Greifswald einen öffentlichen Brief an das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport des Landes Mecklenburg-Vorpommern verfasst, welcher die Dringlichkeit zur Förderung der Psychotherapie-Weiterbildung betont. Der Brief kann sich dabei inhaltlich am vorliegenden Begründungstext orientieren.

2. Dieser öffentliche Brief auf der Website und den Kanälen der Sozialen Medien der Universität geteilt wird.

Begründung des Antrags: Die aktuell ausbleibende Finanzierung der Psychotherapie-Weiterbildung führte deutschlandweit zu Protesten und Demonstrationen. Auch in Greifswald ist eine Kundgebung für den 23. Juni 2026 auf dem Marktplatz geplant.

 

 

§1 Was ist der Hintergrund?

 

Im Zuge der Ausbildungsreform im Jahr 2020 wurde das bestehende System der Aus- und Weiterbildung für Psychotherapeut:innen verändert.

 

Was hat sich verändert?

- Vor jener Reform sah der Werdegang von Psychotherapeut:innen so aus, dass sie einen Masterabschluss in Psychologie erwarben, um danach eine – aus eigener Tasche finanzierte – Ausbildung zur Psychotherapeut:in durchzuführen, die mindestens 3 Jahre (in der Praxis deutlich länger) andauerte. Mit Abschluss der Ausbildung erhielt man die Approbation (PsyFako, 2025). Eine kassenfinanzierte ambulante Psychotherapie durfte damit nicht automatisch angeboten werden (Sozialverband VdK, 2024). Die Kassenzulassung musste zusätzlich erworben werden.

 

- Mit der neuen Reform sollte es möglich werden, direkt mit dem Masterstudium der Klinischen Psychologie eine Approbation zu erhalten. Diese befähigt zur Berufsausübung und zum Tragen des Titels „Psychotherapeut:in“. Des Weiteren war geplant, daran eine 5-jährige Weiterbildung zur Fachpsychotherapeut:in anzuschließen. Sie befähigt zur sozialrechtlichen Anerkennung des Berufs und ermöglicht das selbständige Arbeiten und Anbieten von kassenfinanzierten Leistungen. Da jene Weiterbildung mit einer hauptberuflichen Anstellung einhergehen würde, war geplant, diese angemessen zu vergüten (PsyFako, 2025). Im Prinzip ist jene Weiterbildung mit der fachärztlichen Weiterbildung vergleichbar. Die psychotherapeutische Weiterbildung sollte der fachärztlichen Weiterbildung angepasst werden, um so die Anerkennung von Psychotherapeut:innen zu erhöhen.

 

- Im alten System war es auch noch für Pädagog:innen möglich eine Ausbildung zur Kinder-Jugend-Psychotherapeut:in zu absolvieren. Dies ist mit der neuen Reform nicht mehr möglich.

 

 

§2 Wie sieht es nun aus?

 

Bis dato wurde nur das Psychologiestudium der Reform entsprechend angepasst. Die Finanzierung der Weiterbildung steht noch aus. Tausende approbierte Psychotherapeut:innen ohne Fachkunde warten nun darauf, endlich eine Psychotherapie-Weiterbildung aufnehmen zu können. Statt den versprochenen Vorteilen der Reform, zeigen sich bis jetzt nur Probleme: die Weiterbildungszeit hat sich verlängert, es gibt kaum Weiterbildungsstellen, die dann deutlich zu gering vergütet sind und die wenigen Psychotherapeut:innen in Weiterbildung, die es gibt, müssen unter massivem Patient:innen-Druck ihre Weiterbildung refinanzieren.

 

Zwar ist es Psycholog:innen, die nach dem alten System studiert haben, noch bis 2032 möglich, eine Psychotherapieausbildung zu absolvieren – doch nehmen mittlerweile viele Weiterbildungsinstitute, aufgrund dieser Änderungen, keine Psycholog:innen nach dem alten System mehr auf.

 

 

§3 Was sind die Konsequenzen?

 

Kurzgesagt: aktuell können studierte Psycholog:innen weder des alten noch des neuen Systems eine Psychotherapie-Qualifikation beginnen.

 

In der Folge wird es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten einen schwerwiegenden Rückgang an kassenfinanzierten Psychotherapieplätzen geben. Dabei sieht es nicht gerade so aus, als würde der Bedarf an Psychotherapie ebenfalls zurückgehen. Im Schnitt müssen Patient:innen in Deutschland ca. 20 Wochen auf einen Therapieplatz warten, dabei bestehen große regionale Unterschiede (Deutscher Bundestag, 2022). Hinzu kommen 6 Wochen, um überhaupt erst einen Termin für ein Erstgespräch zu bekommen (Sozialverband VdK, 2024).

Wie bereits erwähnt müssen Psychotherapeut:innen des alten Systems einen extra-Kassensitz erwerben, um kassenfinanzierte Leistungen anbieten zu können. Jene Kassenzulassung wird jedoch künstlich begrenzt! So fallen auf etwa 37.000 Psychotherapeut:innen nur 15.000 Kassenzulassungen (Stand: 2024; Sozialverband VdK, 2024).

 

Die Situation verschärft sich!

So gehen bis 2030 etwa ein Drittel aller aktuell niedergelassenen Psychotherapeut:innen in Rente (Tagesschau, 2025).

2025 gab es in Deutschland etwa 200.000 Jugendliche mit substanzbezogenen Störungen, demgegenüber gab es nur 85 Betten in Rehakliniken für suchterkrankte Kinder- und Jugendliche! Da nun die Dietrich Bonhoeffer Klinik - größte Kinder-Jugend-Suchtklinik Deutschlands - aufgrund mangelnder Rentabilität schließen musste, fallen ganze 60 Betten weg! (NDR, 2026)

 

Nicht nur das Angebot sinkt – auch die Nachfrage steigt!

Die Zunahme an bewaffneten Konflikten und damit korrelierten Hungersnöten weltweit (de Waal, 2025) führt dazu, dass eine breite Masse an Geflüchteten eine Therapie für Posttraumatische Belastungsstörungen o.ä. suchen wird. Ebenfalls stieg die Prävalenz depressiver Symptome in Deutschland seit 2020 rapide an – von ca. 7-10% auf ca. 17-20 % (Walther et al., 2025).

Doch nicht nur Menschen mit Traumata, Ängsten oder Depressionen gehören zum Patient:innenspektrum der Psychotherapie. Klinische Neuropsycholog:innen sind zur Behandlung, Behandlungsplanung, Rehabilitation und Diagnostik von Menschen mit hirnorganischen Störungen eine Notwendigkeit: Demenzen, Parkinson, Hirnschäden infolge von Schlaganfall oder Schädel-Hirntraumata, Epilepsie, etc. gehören zum Aufgabengebiet von klinischen Neuropsycholog:innen. Der Mangel an klinischen Neuropsycholog:innen ist aktuell bereits unerträglich. Da jedoch viele der genannten Beeinträchtigungen infolge des demografischen Wandels immer häufiger werden, kann jede:r selbst einschätzen, wie sehr sich die Versorgungslage im neuropsychologischen Bereich verschlimmern wird.

 

Doch auch die Krankenhausversorgung ist bedroht.

Schon jetzt ist die psychotherapeutische Versorgung in Kliniken mangelhaft, da für die Finanzierung starre Minutenvorgaben pro Patient:in und Leistung vorgegeben werden. An diesen Minutenvorgaben orientiert sich die Personalbemessung. Das Problem ist, dass jene Vorgaben nicht immer einzuhalten sind oder nicht ausreichen. Andererseits führt jene starre Minutenbemessung zu erhöhtem bürokratischen Aufwand – der bei der Personalbemessung nicht einkalkuliert ist. Der bürokratische Aufwand ist umso größer, als dass sich in die letzten Jahren die Verweildauer von Patient:innen verringert, aber die Fallzahlen erhöht haben, sodass mehr Arbeitszeit für Aufnahme und Entlassung verbraucht wird. In der Folge ist für viele Patient:innen die tatsächliche Therapiezeit zu kurz. Darüberhinaus können etwa ein Viertel der Kliniken in Deutschland nicht genügend Personal entsprechend der Vorgaben vorhalten. Da sich das Personal an die Minutenvorgaben bemisst, ist eine Verhandlung von weiterem Personal über jene Vorgaben hinaus erschwert (Bundespsychotherapeutenkammer, 2025). Es kommt hinzu, dass ab Januar 2026 Kliniken weniger vergütet werden, wenn sie die Personalvorgaben unterschreiten (Rechtsdepesche, 2026).

Ein großer Teil der Kliniken lebt jedoch von Psychotherapeut:innen in Ausbildung. Fallen diese nun ab 2032 weg und kommen keine Psychotherapeut:innen in Weiterbildung nach, so wird es noch schwieriger sein, jene Vorgaben zu erfüllen, was zu drastischen Versorgungs- und Finanzierungsschwierigkeiten in Kliniken führen wird.

 

 

§4 Was läuft schief?

 

Doch der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sieht dies anders. Er sieht die GKV als nicht zuständig für die Förderung der Weiterbildung an. Er möchte sogar die Zahl zugelassener Psychotherapeut:innen reduzieren (Deutsches Ärzteblatt, 2025). Die GKV reagierte sogar mit einer Kürzung der Honorare für ambulante Psychotherapeut:innen um 4,5 % (Tagesschau, 2026).

 

Was sich hier deutlich macht sind die Defizite einer profitorientierten und kommerzialisierten Gesundheitsversorgung.

Häufig wird der demografische Wandel für die Zunahme an Gesundheitsausgaben verantwortlich gemacht. Doch schaut man auf die Daten, ergibt sich ein wesentlich anderes Bild: so ist im Zeitraum zwischen 2000 und 2024 der Anteil der über 65-jährigen an der Gesamtbevölkerung von 17% auf 23% um ca. ein Drittel gestiegen (Demografie Portal, 2026). Nach Angaben der Europäischen Zentralbank hat sich jedoch die Arbeitsproduktivität je Arbeitsstunde im selben Zeitraum fast VERDOPPELT (Europäische Zentralbank, 2026). Es handelt sich beim Gesundheitswesen also nicht um ein demografisches Problem, sondern um ein VERTEILUNGSPROBLEM.

Anstatt also für eine demokratisch ausgehandelte, rationale Allokation der Ressourcen zu sorgen, werden psychisch Erkrankte und ältere Menschen für die „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen verantwortlich gemacht.

 

Schließlich handelt es sich beim Anstieg der Gesundheitsausgaben nicht immer um ein „Problem“, sondern um einen ganz normalen Verlauf einer Gesellschaft, die immer produktiver wird. Wenn durch hohe Produktivität materielle Bedürfnisse schneller befriedigt werden können, dann geben die Menschen eben einen zunehmenden Anteil ihres Einkommens für ihre Gesundheit aus (Baumol, 2012).

 

Für uns ist dabei klar: Die Kosten einer ambulanten Psychotherapie selbst machen nur einen geringfügigen Teil der direkten Kosten von psychischen Erkrankungen aus. Zusätzlich sind die indirekten Kosten von psychischen Erkrankungen, die infolge von Arbeitsunfällen, Erwerbsunfähigkeit und Frühverrentung entstehen, nochmals höher als die direkten Kosten. Bleiben psychische Erkrankungen also zu lange unbehandelt, ergeben sich für die GKV weitaus HÖHERE KOSTEN als wenn sie einfach die psychotherapeutische Versorgung verbessern würden (Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung, 2020).

Oder, um Dr. Andrea Benecke – Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer – zu zitieren: „Aus jedem in Psychotherapie investierten Euro ergibt sich ein gesamtgesellschaftlicher Nutzen von zwei bis vier Euro – aufgrund einer geringeren Zahl an Krankschreibungen und Erwerbsminderungsrenten sowie durch Vermeidung von Kosten für stationäre Behandlungen.“ (Bundespsychotherapeutenkammer, 2026)

 

Es ist einfach nicht zu verstehen, weshalb auf der einen Seite ständig von „Fachkräftemangel“ geredet wird, auf der anderen Seite die Ausbildung von Fachkräften künstlich kleingehalten wird. Die Gesellschaft hat den Studienabschluss tausender Psycholog:innen mitfinanziert, doch diese Kosten bleiben vergeudet, wenn diese ihre Psychotherapie-Laufbahn nicht fortsetzen können.

 

 

Quellen:

Baumol, William J. (2012). The Cost Disease: Why Computers Get Cheaper and Health Care Doesn't. Yale University Press.

Bundespsychotherapeutenkammer (2025). Psychotherapeutische Versorgung in der Psychiatrie. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit. api.bptk.de/uploads/B_Pt_K_Studie_Psychotherapeutische_Versorgung_in_der_Psychiatrie_60af0c23ae.pdf

Bundespsychotherapeutenkammer (2026). Jeder in ambulante Psychotherapie investierte Euro rechnet sich. www.bptk.de/pressemitteilungen/jeder-in-ambulante-psychotherapie-investierte-euro-rechnet-sich/

DGVT (o.J.) Psychotherapie-Weiterbildung. www.dgvt.de/themenbereiche/psychotherapie-weiterbildung/

Demografie Portal (2026). Ältere Bevölkerung. www.demografie-portal.de/DE/Fakten/aeltere-bevoelkerung.html

Deutscher Bundestag (2022). Wartezeiten auf eine Psychotherapie. Studien und Umfragen. Wissenschaftliche Dienste. www.bundestag.de/resource/blob/916578/53724d526490deea69f736b1fda83e76/WD-9-059-22-pdf-data.pdf

Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (2020). Report Psychotherapie – 2020. www.dptv.de/im-fokus/wissenschaft-und-forschung/report-psychotherapie/

Deutsches Ärzteblatt (2025). Kassen lehnen Finanzierung der psychotherapeutische Weiterbildung ab und wollen bessere Versorgungssteuerung. www.aerzteblatt.de/news/rubriken/politik/kassen-lehnen-finanzierung-der-psychotherapeutische-weiterbildung-ab-und-wollen-bessere-versorgungssteuerung-485a36cb-316d-47c8-9fcd-98a01edc4594

De Waal, A. (2025). Hunger in global war economies: understanding the decline and return of famines. Disasters, 49(1), e12661. doi.org/10.1111/disa.12661

Europäische Zentralbank (2026). Labour Productivity (per hours worked), index, Germany, Annual. [Datensatz]. data.ecb.europa.eu/data/datasets/MNA/MNA.A.N.DE.W0.S1.S1._Z.LPR_HW._Z.J._Z.IX.LR.N

NDR (2026). Größte Suchtklinik für Kinder und Jugendliche schließt www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/groesste-suchtklinik-fuer-kinder-und-jugendliche-schliesst,suchtklinik-100.html

PsyFako (2025). Berufsweg Psychotherapie. psyfako.org/berufsweg-psychotherapie/

Rechtsdepesche (2026). PPP-RL ab 2026: Flexiblerer Personaleinsatz, folgenreiche Sanktionen www.rechtsdepesche.de/ppp-rl-2026-personaleinsatz-sanktionen/

Sozialverband VdK (2024). Das lange Warten auf eine Psychotherapie www.vdk.de/aktuelles/aktuelle-meldungen/artikel/das-lange-warten-auf-eine-psychotherapie/

Tagesschau (2025). Psychotherapie in Deutschland Meldepflicht für freie Therapieplätze gefordert. www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/krankenkassenverband-psychotherapie-vorschlag-meldepflicht-100.html

Tagesschau (2026). Kürzungen bei Psychotherapie. Weniger Honorar trotz fehlender Plätze. www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/psychotherapie-honorare-kuerzungen-100.html

Walther, L., Vogelsang, F., Schaffrath Rosario, A., Kersjes, C., Thom, J., Peitz, D., ... & Mauz, E. (2025). Depressive und Angstsymptomatik bei Erwachsenen in Deutschland: Ergebnisse aus dem Panel „Gesundheit in Deutschland “2024. edoc.rki.de/handle/176904/13098