Offener Brief zum Semesterstart im Land Mecklenburg-Vorpommern

AStA der Universität Rostock            StuRa der Hochschule für Musik und Theater

Sara Klamann                                      Fabian Zühlke

vorsitz.asta@uni-rostock.de               Stura@hmt-rostock.de

Parkstraße 6                                        Beim St.-Katharinenstift 8

18057 Rostock                                    18055 Rostock

 

Offener Brief zum Semesterstart im Land Mecklenburg-Vorpommern

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Martin,

sehr geehrte Mitglieder der Landesregierung,

sehr geehrte Mitglieder des Landtages,


Wir, die Studierendenvertretungen der Universität Greifswald, der Hochschule für Musik und Theater Rostock, der Hochschule Neubrandenburg, der Hochschule Wismar, der Hochschule Stralsund und der Universität Rostock, haben uns zusammengetan, um Ihnen unsere Bedenken und unseren Protest bezüglich des geplanten Semesterstarts zu äußern.


Die Qualität von Lehre und eine reguläre Bewältigung der Prüfungen ist in diesen Zeiten der Corona-Krise nicht sichergestellt. Zum einen sind die Hochschulen auf sich alleine gestellt, in dieser Ausnahmesituation ohne ausreichend Hilfe seitens des Landes ein digitales Semester zu ermöglichen. Zum anderen finden sich auch die Studierenden selbst mit existenziellen Sorgen konfrontiert, wenn Nebenverdienste ausfallen und Lernmaterialen auf Grund der geschlossenen Hochschulen nicht zugänglich sind.


Daher fordern wir mit aller Dringlichkeit folgende Schritte zu unternehmen:


Das Sommersemester 2020 muss als Optionales Semester gewertet werden. Dafür halten wir folgende vier Schritte für notwendig:

 

  1. Das Semester darf nicht als reguläres Semester gewertet werden. Dies umfasst in erster Linie zwingend die Regelstudienzeit sowie die Regelprüfungszeiten. Des Weiteren muss sichergestellt werden, dass niemand durch die jetzigen Zustände einen Nachteil erhält, sei es in Sachen BAföG oder Studienkredit. Einer weiteren Verschuldung der Studierenden muss präventiv entgegengewirkt werden.
  1. Anwesenheit in den Lehrveranstaltungen muss optional sein. Das gilt sowohl für Online-Veranstaltungen, als auch für reguläre Präsenzveranstaltungen. Das Außerkrafttreten der Anwesenheitspflicht ist zwingend notwendig, da nicht sichergestellt werden kann, dass alle Studierenden sowohl online als auch regulär gleiche Chancen zur Teilnahme haben. Niemand kann erwarten, dass alle zu Hause über eine technische Ausstattung verfügen, die eine verlässliche Teilnahme an Online-Veranstaltungen sicherstellt oder zu Hause (welches oft eine enge Wohngemeinschaft darstellt) eine angemessene Lernatmosphäre vorfindet.
  1. Prüfungen können absolviert werden, aber eine Verpflichtung in irgendeiner Form sie dieses Semester ablegen zu müssen, muss ausgeschlossen sein. Wie schon erwähnt, können wir nicht davon ausgehen, dass die Lehr- und Lernsituation mit der regulären bzw. angestrebten Qualität zu vergleichen sein wird. Die Studierenden dürfen daher keine Nachteile erfahren.
  1. Studierende, die sich dazu entschließen, trotz der Umstände eine Prüfung abzulegen, müssen einen zusätzlichen Krisen-Freiversuch erhalten. Wird die Prüfung nicht bestanden, wird so kein regulärer Versuch der betroffenen Person abgezogen. Sollte die Prüfung bestanden werden, gewährleistet der Krisen-Freiversuch die Möglichkeit der Verbesserung der im Sommersemester 2020 abgelegten Prüfung durch eine zusätzliche Wiederholungsprüfung.

 

Wir sehen das Optionale Semester als zwingend notwendige Reaktion auf die Krise. Vorzugeben, eine mit regulären Lehr- und Lernsituation vergleichbare Lage sei in nächster Zeit möglich, wäre grob fahrlässig. Daher muss das Optionale Semester die politische Antwort auf die Lage an den Hochschulen des Landes sein.


Chancengleich ist in Zeiten der Krise von größter Wichtigkeit. Diese würde bei dem Vorhaben, das Sommersemester 2020 regulär abzuhalten, grob verletzt:

 

  1. Die Durchführung von Online-Lehre ist nicht in jeder Disziplin gleichermaßen umsetzbar. Besonders Ingenieurswissenschaften und andere Fächer, die beispielsweise auf Labore angewiesen sind, dürften die größten Schwierigkeiten haben. Aber auch künstlerische, pädagogische und bibliotheksabhängige Tätigkeiten, sowie Praktika im Allgemeinen, sind rein online kaum vorstellbar.
  1. Die Chancengleichheit zwischen den verschiedenen Hochschulstandorten ist durch den Versuch, das Sommersemester in Mecklenburg-Vorpommern regulär durchzuführen, nicht gegeben. Im bundesweiten Vergleich hätten Studierende in unserem Bundesland erhebliche Nachteile, verglichen mit Studierenden anderer Hochschulstandorte, in denen digitale Infrastrukturen bereits deutlich besser ausgebaut sind und Lehrpersonal besser für digitale Lehre geschult ist.
  1. Es ist wichtig anzumerken, dass Studierende mit Kindern diese derzeit zuhause betreuen müssen. Die fehlende Kinderbetreuung macht ein Studium mit einem Nebenjob nahezu unmöglich.
  1. Durch die finanzielle Notlage vieler Studierender, die den Verlust ihrer Nebenverdienste zu beklagen haben, ist keine wirkliche Chancengleichheit mehr denkbar. Denn sollte das Semester regulär gewertet werden, so hätten diejenigen, die finanziell nicht in Not sind, bessere Chancen dieses Semester auch so wahrzunehmen. Der Großteil aber muss sich andere Beschäftigungen suchen, die sich gegebenenfalls deutlich schlechter mit dem Studium vereinbaren ließen.

 

Ein Optionales Semester würde zudem die Möglichkeit eröffnen, dass sich Studierende vermehrt und ohne gravierende Nachteile an gesellschaftlich dringenden Aufgaben beteiligen könnten, wie zum Beispiel an der Feldarbeit. Besonders das Spargelstechen ist eine langwierige Arbeit, neben der eine gewissenhafte Bewältigung der Studien- und Prüfungslast kaum vorstellbar ist.

Bezüglich der finanziellen Not vieler Studierender, möchten wir an dieser Stelle auch noch einmal auf die Notwendigkeit von finanzieller Hilfe für Studierende hinweisen. Durch die andauernde Schließung vieler (Kleinst-)Unternehmen, fehlt vielen Studierenden, die kein BAföG erhalten, nun die Lebensgrundlage. Der Aktualisierungsantrag deckt hier leider nur einen kleinen Teil der Studierenden ab. Wir appellieren daher mit aller Dringlichkeit an Sie, hier nicht tatenlos zuzusehen. Diese Studierenden fallen durch alle sozialen Sicherungssysteme und brauchen Ihre Hilfe. Wir fordern somit umgehend Soforthilfe für Studierende.


Nun ist Ihrerseits konsequentes politisches Handeln gefragt, um auf die aktuelle Situation angemessen zu reagieren. Eine reguläre Durchführung des Sommersemesters 2020 ist nicht möglich. Ein Optionales Semester sowie finanzielle Unterstützung sind von Nöten, um den Übergang zu einem regulären Hochschulbetrieb zu gewährleisten.



Mit freundlichen Grüßen,


gez.

 

 

Der AStA der Universität Rostock

 

Der AStA der Universität Greifswald

 

Der AStA der Hochschule Wismar

 

Der AStA der Hochschule Stralsund

 

Der AStA der Hochschule Neubrandenburg

 

Der StuRa der Hochschule für Musik und Theater Rostock

Dateien


Zurück zu allen Meldungen